Berlin: Erdogan-Besuch zeigt das Erstarken des türkischen Selbstverständnisses

| 1. November 2012 | 0 Kommentare

Türkeis Premier Erdogan besucht Merkel in Berlin

Türkeis Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan besuchte Berlin und hatte bei seinem zweitägigen Berlin-Besuch gleich drei Gelegenheiten, sich als überzeugten aufgeklärten Europäer vorzustellen. Einmal am Dienstag bei der Einweihung der neuen türkischen Botschaft am Berliner Tiergarten, die der Anlass seines Deutschland-Besuchs war. Eine zweite Gelegenheit bot sich danach bei der “Townhall-Konferenz” des Nicolas Berggruen Institute of Governance im Allianz-Forum am Brandenburger Tor, eine dritte während des einstündigen Gesprächs mit der Kanzlerin und der Presseunterrichtung am Mittwoch. Erdogan hat alle drei Chancen genutzt für sein Land als Teil Europas zu werben. Sogar skeptische Deutsch-Türken überraschte er.

Zur Einweihung der Botschaft kam Erdogan auf die Deutschkenntnisse der hierzulande lebenden türkischstämmigen Bürger zu sprechen: “Wir wollen, dass die Türken in Deutschland fließend Deutsch sprechen.”

Zu dieser Teilhabepolitik gehört für Erdogan aber die doppelte Staatsbürgerschaft. Offensiv forderte er eine solche Regelung von der Kanzlerin und setzte sie noch unter Druck, indem er die 50.000 Deutschen in der Türkei ermunterte, dort den Doppelpass zu beantragen. “Wir haben kein Problem damit.” In dieser Forderung ist sich Erdogan einig mit seinen Kritikern, die während seines Besuchs hinter dem Brandenburger Tor protestierten.

Merkel bot Erdogan Unterstützung bei den Verhandlungen zum EU-Beitritt der Türkei. Hilfreich und vor allem ehrlich wolle Deutschland und die EU auch die Verhandlungen für einen EU-Beitritt mit der Türkei führen. “Die EU ist ein ehrlicher Verhandlungspartner”, sagte sie.

Erdogans Strategie  will dabei aber nicht als Bittsteller aufzutreten, sondern sich für die EU unverzichtbar zu machen. Wenn die EU die Türkei heraushalten wolle, weil die Türkei ein islamischer Staat ist, “wird die EU verlieren. Wir nicht. Wir erstarken von Tag zu Tag”, sagte er beim Berggruen-Institut. Das Jahr 2023 nannte er als spätesten Beitrittstermin. Aber: “Ich glaube, die Menschen wollen nicht so lange warten.” Viele Experten hegen allerdings Zweifel, ob es ihm selbst nicht ganz recht ist, mindestens so lange zu warten. Im Moment lässt sich leicht behaupten, dass man die Voraussetzungen für den Beitritt längst erfülle; es unterliegt ja keiner Überprüfung.


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Kategorie: EU, Politik

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